
Die Magie der «Farne»
Der Farn blüht in der Mittsommernacht.
Punkt zwölf in der Nacht schlägt er aus.
Die Blüte ist hübsch und leuchtet wie ein Stern.
Wer die Blüte pflückt,
dessen Wünsche gehen alle in Erfüllung.
Er kann auch unsichtbar werden.
Aber man muss absolut still sein,
wenn man die Blüte pflückt.
Man darf weder reden noch lachen.
Dieser Gedichtanfang stammt aus dem Buch «Midsommar: Historier Om Kärlek Och Trolldom» (Mittsommer: Geschichten über Liebe und Zauberei) von Per Gustavsson, LL-Förlaget, 1997.
Farne begleiten den Menschen wie eine mythenumwobene Erinnerung an eine vergangene Zeit. Sie gleichen eigentlich keinen anderen Pflanzen. Man kann keine Blüte erkennen und dennoch pflanzen sie sich fort. Wie kann das sein?
Früher ging man davon aus, dass Farne übernatürliche und magische Kräfte haben müssen! Vielleicht gibt es doch irgendwo unsichtbare Samen? Solche Überlegungen nährten den Aberglauben, etwa dass ein Mensch unsichtbar werden könnte, sollte er Farnsamen finden.
Zusammen tauchen wir heute in unser druckfrisches Buch «Farne» von Anton Sundin ein, das letzte Woche erschienen ist. Darin wird auf die Vielfalt und Geschichte einer der ältesten Pflanzengruppen eingegangen. Um die Mythen rund um diese magischen Gewächse soll es im heutigen Beitrag gehen.

©Elisabeth Svalin Gunnarsson
Die Magie der Farnpflanzen
Farne spielen besonders in Mythen, die sich um die Zeit der Sommersonnwendfeier rankten, eine große Rolle. Da lange nicht bekannt war, wie sich Farne vermehrten, wurde angenommen, Farne würden im Verborgenen blühen. Wer solch eine Blüte fand, dem würden den Mythen nach ungeahnte Kräfte verliehen. Ein lediger Mann würde Glück in der Liebe und Reichtum finden, wenn er die blaue Blume des Farns entdeckte, die der Sage nach nur in der Mittsommernacht blühte. In manchen Kulturen wurde diese auch als Fruchtbarkeitssymbol angesehen. Eine Frau, die den Stiel eines Farnblatts auseinanderschnitt, sollte darin die Initialen ihres Zukünftigen erblicken können. In der Mittsommernacht sollte man sich zudem nackt neben die Echte Mondraute (eine Rautenfarnart) legen. Dann würde eine Flamme auflodern und wer sie schnell löschte, konnte jedes Schloss öffnen. Ebenfalls Glück, besonders in geschäftlichen Angelegenheiten sollte ein Stück Farnkraut in der Tasche bringen.
Carl von Linné berichtet in seinem Reisetagebuch von der klugen Alten Ingeborg in Småland (SWE), die jeden Tag einen magischen Königsfarn (Osmunda regalis) aufsuchte, um sich Rat für ihre Weissagungen zu holen. Wie genau ihr der Königsfarn half, erzählte Ingeborg nicht, aber der Bericht zeigt, dass die Menschen wirklich an die magische Kraft des Farns glaubten.
Lange Zeit glaubte man auch, dass der Farn das Haus vor allem schützen könnten, was dort nicht eindringen sollte – von unheimlichen Kreaturen bis hin zu Ratten. Der Wurmfarn sollte beispielsweise die Hausbewohner:innen vor Hexen, Trollen und anderen Ungeheuern schützen. Deshalb pflanzte man Farne oft entlang der Grundstücksgrenze oder rechts und links des Eingangs alter Bauernkaten (kleine, schlichte Bauernhäuser). Sie stehen auch heute noch auf verlassenen Grundstücken draußen im Wald.

Unser eigener Haus-Wurmfarn am Falkenplatz in Bern.
Last but not least, hatten Farne aufgrund ihres magischen Erscheinungsbilds aber auch einen zwielichtigen Ruf. Man glaubte, dass sie den Hexen als Vorrat dienten und magische Kräfte verliehen, etwa um sich unsichtbar zu machen oder das Wetter zu beeinflussen. Außerdem kamen sie in Zaubersprüchen vor, um mit den bösen Geistern in Kontakt zu treten, vielleicht sogar mit dem Teufel selbst.
CIBOTIUM BAROMETZ – Das pflanzliche Lamm
Das Rhizom des Baumfarns Cibotium barometz (Chinesischer Schatullenfarn) hat gewisse Ähnlichkeit mit einem Lamm, wenn man es umgedreht betrachtet. Unter Rhizom versteht man eine unterirdisch, meist waagrecht verlaufende, verdickte Sprossachse (Stängel) bestimmter Pflanzen.
So kam es, dass es als Baumlamm, Pflanzliches Lamm (Agnus vegetabilis), Tatarisches oder auch Skythisches Lamm (Agnus scythicus) bezeichnet wurde. Letzteres ist verwunderlich, denn das mittelalterliche Reich der Skythen und Tataren lag in Mittel- und Zentralasien, also nördlich des Schwarzen Meeres, während der Baumfarn nur südlich des Schwarzen Meeres in Südostasien vorkommt. Wie kann es sein, dass dieser Farn Skythenisches oder Tatarisches Lamm genannt wurde?
Alles begann im 14. Jahrhundert mit dem Engländer Sir John Mandeville, der in seinen berühmten Reiseschilderungen die Kunst verstand, eine Geschichte zu würzen.
1322 reiste er zu einer Pilgerreise ins Heilige Land und kehrte erst 34 Jahre später mit seinen Reiseerzählungen The voyages and Travels of Sir John Mandeville, Knight zurück. Das Buch erregte in der mittelalterlichen Welt großes Aufsehen und inspirierte viele der großen Entdecker der Renaissance zu eigenen Reisen, darunter auch Christopher Columbus. Er verwendete Mandevilles Buch quasi als Reiseführer und versuchte mit den Aufzeichnungen die spanische Krone davon zu überzeugen, die Kosten für seine Reisen zu übernehmen. Heute weiß man, dass Mandevilles Buch größtenteils aus Plagiaten und fingierten Beschreibungen besteht. Mandeville berichtete, dass er während seines Besuchs beim Khan im Tatarenreich einen seltsamen Baum gesehen habe, an dessen Zweigen kleine Lämmer in Kapseln wüchsen. Die Menschen dort aßen sie und auch Mandeville habe sie äußerst wohlschmeckend gefunden. Diese Geschichten inspirierten selbstverständlich auch andere, nach dem mythischen Gewächs zu suchen, das Lämmer produzierte – auch wenn niemand es je fand. Stattdessen kehrten die Reisenden mit vagen, ausgeschmückten Erzählungen aus zweiter Hand nach Hause zurück und die Lügengeschichte verbreitete sich mehr und mehr. Aus dem Gewächs mit kleinen Lämmern an den Zweigenden wurde ein Gewächs mit lang aufragendem Stiel mit einem Lamm ganz oben auf der Spitze.
Erst im 16. Jahrhundert wurden kritische Stimmen lauter, die die Wesen – halb Baum, halb Lamm – in Asien infrage stellten. Es kam zu Debatten unter Naturkundlern, besonders in England. Doch viele glaubten an den Mythos des Baumlamms und verwiesen wütend darauf, dass man Gottes Geschöpfe nicht verleugnen dürfe. So ging es bis ins 17. Jahrhundert, als der Mythos um das Baumlamm anfing, sich aufzulösen. Im Jahr 1600 erhielt der Gründer des Natural History Museum, Sir Hans Sloane, ein bemerkenswertes Pflanzenstück aus Indien zugeschickt. Zuerst dachte er, dass es sich um ein künstlerisch geformtes Lamm handelte: Der Wurzelstock ähnelte dem Körper und die abgeschnittenen Stiele entsprachen den Beinen. Hier hatte man endlich ein Exemplar des schwer zu findenden Baumlamms! Bei genaueren Nachforschungen stellte sich das Mitbringsel jedoch als ein Rhizom eines Baumfarns heraus. Sloane präsentierte seinen neuen Fund der Royal Society, um ein für alle Mal mit dem Mythos des Baumlamms aufzuräumen. Sloane erhielt dabei Unterstützung durch den deutschen Botaniker Dr. Breyn, der unabhängig und ohne Kenntnis von Sloanes Fund das lammähnliche Rhizom in Indien entdeckt hatte. Sloane und Breyn überzeugten schließlich die Wissenschaftler und die Allgemeinheit mit ihren Argumenten, dass das Baumlamm keine Pflanze war, auf der Lämmer wuchsen, sondern das Ergebnis fantasievoller Geschichten darstellte. Stattdessen handelte es sich um das Rhizoms eines Farns, das – drehte man die Pflanze auf den Kopf – einem Lamm ähnelte. Bald war man sich in dieser Sache weltweit einig. Auch Carl von Linné schloss sich dieser Meinung an. Als er den Baumfarn mit dem lammähnlichen Rhizom klassifizierte, gab er ihm den Namen Cibotium barometz; «barometz» ist das tatarische Wort für «kleines Lamm». Bleibt die Frage, wie es kommen konnte, dass die Geschichten über das Lämmergewächs im Mittelalter aus dem Tatarenreich kommen konnten, wenn der Farn doch nur in Südostasien wächst? Hatte Sloane Unrecht, wenn er behauptete, der Baumfarn Cibotium sei das mythenumwobene Baumlamm?
Dafür spricht einiges. Es gibt nämlich eine Pflanze, die wesentlich besser zu den ursprünglichen Berichten über das Baumlamm passt als Cibotium, und zwar Baumwolle. Die Baumwollpflanze mit ihren weißen Bauschen an den Zweigenden ähnelt sehr der Pflanze aus Mandevilles Geschichte. Bereits die griechischen Geschichtsschreiber der Antike berichteten über die indische Baumwolle. Eine verbreitete Bezeichnung der alten Griechen war «Baum mit Knäueln von Wolle», ein damals nahe liegender Vergleich, denn die Griechen fertigten ihre gesamte Kleidung aus Wolle. Es ist wahrscheinlich, dass Mandeville nicht nur diese Fehlübersetzungen aufnahm, sondern sie auch noch zusätzlich ausschmückte. Baumwolle wuchs zwar nicht im damaligen Tatarenreich, aber es war in dem Gebiet eine verbreitete Handelsware und sowohl Mandeville als auch die alten Griechen waren ihr mit hoher Sicherheit begegnet. So kam es, dass ein Baumfarn aus Indien das tatarische Wort für Lamm als wissenschaftlichen Namen trägt.
Was eine kleine Baumwollpflanze alles anrichten kann.
Anton Sundin ist ein schwedischer Gärtner mit großer Leidenschaft nicht nur für Farne, sondern auch für Boden- und Nachhaltigkeitsfragen. Neben seiner Tätigkeit als Gartenbaumeister schreibt er über verschiedene Aspekte der Gartenarbeit, hält Vorträge und leitet Kurse und Workshops.