
«Himmeli»sche Strohobjekte
Man könnte meinen, dass es sich bei dem Wort «Himmeli» um einen urchigen Schweizerbegriff handelt. Tatsächlich stammt der Begriff aus dem germanischen Sprachraum und bedeutet so viel wie «Himmel». Die filigranen Himmelis haben ihren Ursprung jedoch in Finnland.
«Himmeli» – so heißt auch das neue Buch der finnischen Künstlerin Eija Koski, welches diesen Herbst erschienen ist. Darin teilt sie nicht nur 36 Modellanleitungen kleinerer und größerer Himmelis, sondern nimmt uns gleich mit auf eine interessante Reise durch die Geschichte der finnischen Himmeli-Tradition.
Zu Beginn des Buches erklärt sie beispielsweise:
Himmelis zu basteln gehörte in Finnland bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu den festen Bräuchen der Vorweihnachtszeit. Damals gab es noch keine Weihnachtsbäume in den Stuben.
Himmelis wurden früher in der Sauna hergestellt. Jugendliche kümmerten sich um die Weihnachtsdekoration, deren wichtigster Bestandteil die Himmelis waren. Wenn sie ihr Tagwerk beendet hatten, gingen sie mit Strohbündeln in die große Sauna, die es früher überall auf dem Land gab. Dort wurden die Strohhalme auf gleiche Länge geschnitten und mit Fäden zu Himmelis verbunden, die als Raumdekoration dienten.Jedes Jahr wurde ein neues Himmeli aus dem Stroh der letzten Ernte gefertigt. Erst am Heiligen Abend brachte man es ins Haus und hängte es an die von Rauch geschwärzte Decke, wo seine roten Wollquasten wie Beerentrauben leuchteten. Das Himmeli blieb bis zur Sommersonnenwende hängen – als eine Art Glücksbringer, der das Schicksal gnädig stimmen und für eine gute Ernte im neuen Jahr sorgen sollte. Erst dann wurde es abgenommen und im Mittsommerfeuer verbrannt.
Um ein Himmeli zu gestalten, benötigt man nur wenige Utensilien:
- (Roggen)Strohhalme
- Nadel
- Garn
- Schere
- Lineal
1 Strohhalme
Traditionell werden Himmelis aus Roggenstroh hergestellt. Ungefärbte oder bunte Strohhalme erhalten Sie in jedem Bastelgeschäft. Authentischer, aber auch arbeitsaufwendiger ist die Verarbeitung frischer Halme vom Feld. Die Halme müssen nach dem Schneiden getrocknet, ausgeputzt und auf die richtige Länge zugeschnitten werden. Erst dann lassen sich daraus Himmelis herstellen.
2 Garn
Zum Zusammenfügen der Strohhalme benötigen Sie – falls nicht anders angegeben – sehr dünnes, farblich passendes Garn, das im Idealfall später nicht zu sehen ist. Nur die Halme und der Raum zwischen ihnen sollen am Ende den Blick auf sich ziehen. Eija Koski arbeitet am liebsten mit Naturgarn aus Baumwolle oder Flachs. Da sich die Strohhalme beim Durchfädeln des Garns vor allem an den Enden leicht spalten, kann man sie mit Holzleim verstärken. Eine alte, noch sicherere Methode besteht darin, die Spitzen mit dünneren Strohhalmen zu stabilisieren: Die benötigte Anzahl Halme auf wenige Zentimeter Länge zuschneiden, in der Mitte umbiegen und über Eck in zwei aufeinandertreffende Halme stecken. Dadurch wird das gesamte Himmeli robuster.
3 Nadel
Zum Auffädeln der Halme benötigt man eine etwa 13 cm lange, dünne Nadel. Eine Perlennadel ist ideal. Perlennadeln sind sehr fein und flexibel, sodass sich damit auch sehr kleine Himmelis herstellen lassen. Eine ältere Himmeli-Künstlerin hat erzählt, dass man den Faden früher, als es noch keine passenden Nadeln gab, nach dem Einfädeln einfach ansaugte, bis er am anderen Ende des Strohhalms wieder herauskam. Ausprobieren lohnt sich, vor allem, wenn man mit besonders langen Strohhalmen arbeitet. Bei sehr großen Himmelis ist die Methode allerdings nicht empfehlenswert, denn auf Dauer verursacht sie Kopfschmerzen.
4 Schere
Um Hunderte oder Tausende Strohhalme passend zuzuschneiden, ist eine gute Schere unverzichtbar. Besonders empfehlenswert ist eine selbst öffnende Schere, die gut in der Hand liegt.
5 Lineal
Für ein schönes Himmeli mit perfekten Spitzen müssen die Halme exakt zugeschnitten werden. Hierfür benötigt man ein Lineal. Damit wird allerdings nur ein Strohhalm ausgemessen, der dann als «Maßband» dient. Am besten verwendet man hierfür einen Halm in einer Kontrastfarbe. Alle anderen Halme werden dann mithilfe dieses Halms auf die erforderliche Länge geschnitten. Genaues Arbeiten ist ein Muss, denn schon Abweichungen im Millimeterbereich fallen später unschön ins Auge. Beim Gestalten von Himmelis sind die richtigen Proportionen das A und O. Fügt man dicke, kurze Strohhalme zusammen, wird das Himmeli zu kompakt, und seine geometrische Struktur kommt nicht zur Geltung. Deshalb gilt: Je dicker die Strohhalme, desto länger sollten sie sein. Aus dünnen Halmen lassen sich sehr filigrane Himmelis herstellen, aber es braucht dafür auch sehr viel Geduld. Andererseits: Je dünner die Halme, desto präziser und schöner werden die Spitzen.
Na, sind Sie bereits inspiriert, die Technik selber einmal auszuprobieren? Dann ist die folgende Anleitung zur Herstellung eines Oktaeder-Himmelis genau das Richtige. Der einfache Oktaeder ist die Grundlage aller Himmelis.
EINFACHES OKTAEDER
Benötigtes Material:
- 12 Strohhalme à 8 cm
- Nähgarn aus merzerisierter Baumwolle (in der Farbe der Strohhalme)
- lange Nadel
Ein Oktaeder ist eine Doppelpyramide mit quadratischer Grundfläche. Es besteht aus acht kongruenten gleichseitigen Dreiecken und hat zwölf gleich lange Kanten und sechs Ecken, an denen jeweils vier Seitenflächen zusammentreffen.
Das Oktaeder ist die Basiseinheit aller Himmelis. Es besteht aus 12 gleich langen Strohhalmen, die zu zwei kleinen Pyramiden zusammengesetzt werden. Die Pyramidenspitzen liegen einander gegenüber; eine zeigt nach oben, die andere nach unten. Für das Oktaeder im Buch wurden Roggenstrohhalme verwendet. Andere Strohhalme oder Materialien, z.B. Schilfrohr oder Papiertrinkhalme, eignen sich ebenso gut.
Den Faden auf die benötigte Länge zuschneiden: Hierfür die Länge der Halme mit 15 multiplizieren.
1 Drei Strohhalme auffädeln, die Fadenenden doppelt verknoten und etwa eine Halmlänge hängen lassen. Es entsteht ein Dreieck.
2 Zwei weitere Strohhalme auffädeln und den Faden zweimal um die untere Ecke (B) wickeln.
3–5 Zwei weitere Strohhalme auffädeln und den Faden zweimal um die obere Ecke (C) wickeln. Auf diese Weise fortfahren, bis 5 Dreiecke in der Reihe liegen.
6 Einen weiteren Strohhalm auffädeln und den Faden zweimal um den Anfangspunkt (A) wickeln. Die beiden Fadenenden doppelt verknoten. Beide Fäden durch den ersten Strohhalm ziehen, sodass der Knoten darin verschwindet. Die beiden freien Ecken (F) und (G) zusammenführen und mehrfach mit dem Faden umwickeln. Den Faden hängen lassen, um ihn später zum Aufhängen oder zum Anknüpfen zu verwenden.
Und fertig ist Ihr erstes Himmeli!
Fotos: © Ananya Tanttu
Illustration Anleitung: © Eija Koski
Eija Koski ist eine angesagte finnische Künstlerin, die schon seit 25 Jahren filigrane Kunstwerke aus Stroh kreiert. Mit ihren Ausstellungen in Finnland, Schweden, Japan und in der Schweiz sowie mit ihren Büchern und Workshops lässt sie die schon fast vergessene Tradition des Himmelis wieder aufleben, wobei sie gleichzeitig neue Trends setzt. Gemeinsam mit ihrem Mann produziert sie auf dem eigenen Biobauernhof in Finnland das Roggenstroh für ihre Himmelis.