
«Klima und Gesellschaft in Europa» – Oder: von Olivenbäumen in Köln
Die von den Menschen verursachte globale Erwärmung schreitet rasch voran. 2020 war in Europa das wärmste Jahr seit Beginn der präzisen Wettermessungen vor 150 Jahren. Auch aus dem aktuellen Diskurs ist der Klimawandel kaum mehr wegzudenken. Als Grundlagenband dazu liefert das kürzlich erschienene Buch «Klima und Gesellschaft in Europa» einen wichtigen Beitrag zu eben dieser Klimawandel-Diskussion.
Erstmals haben sich für dafür ein Historiker und ein Klimatologe zusammengetan und eine tausendjährige Geschichte des Klimas niedergeschrieben. Darin beleuchten Sie den Zusammenhang der klimatischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten tausend Jahre. Aussagen über die Wechselbeziehung von Klima und Gesellschaft treffen die Autoren anhand der Rekonstruktion von jahreszeitlichen Wetter- und Klimabedingungen und der Interpretation von wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen und Phänomenen. Eingestreute Anekdoten lockern den Informationsfluss auf. Eine davon möchten wir Ihnen hier vorstellen:
Haben Sie sich auch schon gefragt, wie sich verlässliche Aussagen über Phänomene treffen lassen, die so weit zurückliegen?
Feststellungen lassen sich unter anderem anhand von Berichten von verlässlichen Zeitzeugen machen. Wenn Sie sich also Fragen, wie wir wissen können, dass es im Zeitraum vor 1300 (Mittelalterliche Warmzeit) deutlich wärmer war, als in der darauffolgenden Nordhemisphärischen Kleinen Eiszeit, lohnt es sich dem Naturforscher Albert dem Großen zuzuhören:
In seinem Traktat «Über die Pflanzen», erwähnt er Feigenbäume, «die in Köln und in Teilen des Rheintals um die Stadt herum reichlich vorhanden sind» und «dreimal im Jahr Früchte tragen». Außerdem berichtet er, dass am gleichen Ort Olivenbäume gediehen. Ohne die warmen klimatischen Bedingungen hätten die mediterranen Pflanzen kaum wachsen können, was wiederum als Beweis für die besonders warme Periode gedeutet werden kann.
Auch interessant und im Buch nachzulesen: Im letzten Jahr ohne Sommer (1816) beispielsweise schufen endlose kalte Regen eine düstere Atmosphäre, die mit «Frankenstein» und «Dracula» die Horrorstory als neue Literaturgattung ins Leben rief.

Christian Pfister und Heinz Wanner – Foto Kaspar Meuli, Oeschger-Zentrum
Christian Pfister ist Professor Emeritus für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte der Universität Bern. Er war Gründungspräsident der European Society for Environmental History (ESEH). Bei Haupt erschien u.a. „Wetternachhersage“ und „Am Tag danach“.
Heinz Wanner ist Professor Emeritus für Geografie und Klimatologie. Er war Co-Chair des internationalen Past Global Changes (PAGES)-Projektes und Mitglied des UNO-Klimarates IPCC. Bei Haupt erschien u.a. «Klima und Mensch», ISBN 978-3-258-08066-6.