
Wasserwanderungen: Rundwanderung am Lac de Tseuzier
Die Schweiz ist nicht nur ein Wanderland, sondern auch ein Wasser-Wunderland! Und stärker als jede andere Naturkraft gestaltet Wasser das Relief der Schweiz. Höchste Zeit, diesem Element einen Haupt Wanderführer zu widmen. In «Wasserwanderungen» stellen Jürg Alean und Paul Felber 17 Routen entlang von Bächen, Flüssen und Suonen, zu eisigen Grotten, monumentalen Stauseen oder auch einfach zu einladenden Badeseen vor.
Eine dieser Touren stellen wir Ihnen hier im Folgenden vor. Sie führt uns ins Wallis und dort um den Lac de Tseuzier herum. Dabei erwartet uns eine prachtvolle Gebirgslandschaft und eine Reihe von Wasser-Sehenswürdigkeiten sowie bunte Alpenflora.
Der Stausee von Tseuzier liegt im obersten Teil des Einzugsgebiets der Liène, welche östlich von Sion in die Rhone mündet.
Bei der Bushaltestelle Anzère, Barrage de Tseuzier, angekommen, hat man bereits einen Erdschüttdamm, den kleinen Teil der Stauanlagen, überquert. Weitaus spektakulärer ist allerdings die Bogenstaumauer nach der Bushaltestelle. Am Betriebsgebäude beim Südende der Staumauer bietet eine Informationstafel einen guten Überblick über die Kraftwerksanlagen.
Die Stauanlagen von Tseuzier wurden 1957 fertiggestellt. Der Stausee ist 0.85 km2 groß; der Stauraum umfasst 51 Mio. m3. Dies reicht unter normalen Umständen aus, um den gesamten Niederschlag eines Jahres aus dem 0.85 km2 großen Einzugsgebiet zurückzuhalten. Dies führt uns zur Wirkungsweise eines Speicherkraftwerks. Während ein Laufkraftwerk mehr oder weniger das ganze Jahr über die aktuell anfallende Abflussmenge eines Flusses zur Stromerzeugung nutzt, hält man bei einem Speicherkraftwerk im Sommerhalbjahr möglichst viel des anfallenden Wassers zurück, um es erst im Winter über die Kraftwerksturbinen zur Stromerzeugung abzulassen. Dies ist deshalb sinnvoll, weil einerseits der Strombedarf im Winter am höchsten ist, andererseits die Laufkraftwerke wegen geringerer Wasserführung der Flüsse weniger Strom produzieren.
Alpine Speicherkraftwerke helfen also, die jahreszeitlichen Schwankungen des Strombedarfs auszugleichen. Ihre Stauseen sind deshalb im Mai fast leer, füllen sich aber während der sommerlichen Schneeschmelze in hohen Lagen und sollten im Oktober wieder maximal gefüllt sein.
Nun machen wir uns auf den Weg im Gegenuhrzeigersinn um den Stausee. Zuerst geht es über die bis zu 156 Meter hohe Staumauer. Der Blick in die Schlucht auf der Talseite macht deutlich, wie die natürliche Verengung des Tals benutzt wurde, um einen maximalen Staueffekt mit einer möglichst kurzen Talsperre zu erzielen.
Auf dem rund 1800 m.ü.M. verlaufenden Bergwanderweg befinden wir uns rund 300 Höhenmeter unterhalb der lokalen Waldgrenze. Allerdings ist das Gelände so steil, dass Lawinen den aufkommenden Baumbestand immer wieder zerstören. Deshalb gibt es nur an geschützten Stellen bewaldete Partien. So haben wir meist eine gute Aussicht auf den See und bei Windstille auch auf die schönen Spiegelungen der gegenüberliegenden Berggipfel.
Im Sommer säumen rosafarbene Orchideen, hellblaue Glockenblumen und viele andere Blütenpflanzen den abwechslungsreichen Weg. Mehrmals überqueren wir steile Runsen, durch die, nach Starkniederschlägen oder bei intensiver Schneeschmelze, Murgänge niedergehen. An einem schönen Sommertag sind davon allerdings nur die grobblockigen Schuttablagerungen zu sehen.
Im hinteren Teil des Sees beginnt der Weg leicht anzusteigen und entfernt sich damit etwas weiter vom Ufer. Bei der nächsten Wegverzweigung nehmen wir die obere Variante und erreichen kurz darauf einen schönen Aussichtspunkt. Bei klarer Sicht zeigen sich im Süden über der Staumauer fünf Walliser Viertausender. Ein drehbares Teleskop mit eingeblendeter Beschriftung erleichtert das Identifizieren vieler Berggipfel.

Bishorn (B), Weisshorn (W), Zinalrothorn (Z), Obergabelhorn (O), Dent Blanche (D)
Vor allem aber zieht ein stiebender Wasserfall die Aufmerksamkeit auf sich, bei geeigneter Sonnenposition samt Regenbogen in der Gischt. Ein paar Schritte nach links unten wird offensichtlich, dass das Wasser aus mehreren Quellen unmittelbar aus der Felswand tritt.
Beim Aussichtspunkt P3 (siehe Karte weiter unten) orientiert eine Tafel über den jahreszeitlich stark schwankenden Wasseraustritt. Diese sogenannte Schüttung der Quelle ist im Sommer um ein Vielfaches größer als im Winter. Das Maximum wird normalerweise im Juni während der Schneeschmelze auf der Alpage du Rawil erreicht. Weil der Untergrund aus gut wasserdurchlässigen, vorwiegend kalkigen Schichten besteht, verschwindet das Wasser dort in Schwundlöchern und fließt unterirdisch ab. Etwa auf unserer Höhe trifft es auf mergelige Drusbergschichten. Diese sind weniger gut wasserdurchlässig. Dadurch wird das Wasser im Berginnern aufgehalten und seitlich abgelenkt, bis es bei den Quellen ans Tageslicht gelangt. In der Fachsprache bezeichnet man diese Art von Wasseraustritten als Schichtquelle. Den Übergang vom hellgrauen, gut durchlässigen quellwasserführenden Schrattenkalk zu den dunkleren und bräunlichen, nur sehr gering durchlässigen und deshalb als Quellwasserstauer wirkenden Drusbergschichten kann man in der Felswand etwa auf der Höhe der Quellen deutlich erkennen. Diese Schichtgrenze entspricht einem Alter von etwa 128 Mio. Jahre. Sie zeigt sich auch auf der gegenüberliegenden Talseite, wo eine weitere Quelle und ein etwas kleinerer Wasserfall zu sehen sind.
Durch offenen Bergwald steigen wir nun abwärts. Bei der Wegverzweigung könnte man rechts zur Schöpfe der Bisse de Sion (vgl. P5 auf der Karte weiter unten) gelangen; wir halten uns aber links. Zahlreiche geknickte Bäume zeugen von der Gewalt der Lawinen, welche hier in letzter Zeit niedergegangen sind. Wo uns eine Brücke über die Liène führt, wird in einem betonierten Kanal die durchfließende Wassermenge laufend registriert, weil die Betreiber des Wasserkraftwerks wissen müssen, welche Wassermengen in den Stausee gelangen. Nach Überqueren des rauschenden Bergbachs befinden wir uns auf der bei Endmoräne an der Bisse de Sion.
Etwa 100 Meter folgen wir dieser Wasserleite flussaufwärts und gelangen zu einem ganz besonderen Bauwerk. Ein Aquädukt leitet das Wasser der Bisse über die Liène und dient gleichzeitig als Fußgängerbrücke. Die Bisse de Sion wurde im Vergleich zu anderen Walliser Wasserleiten relativ spät gebaut, nämlich von 1901 bis 1903. Sie leitet zusätzliches Wasser in die Sionne, von der weiter talabwärts die Bisse de Lentine abzweigt. Nach kurzem Aufstieg auf eine Geländeterrasse kann man entweder einen Abstecher zur Schöpfe machen oder gleich auf einem kleinen Steg einen weiteren Bach überqueren und zu P6 (siehe Karten weiter unten) weitergehen.
Der Weg westwärts über die Alp Lourantse verläuft zunächst etwa parallel zum Bach. Wo er sich von diesem wieder entfernt, lohnt sich der kleine Abstecher nach rechts zu mehreren Quellen im flachen, offenen Gelände. Anschließend geht es weiter bis zu einer weiteren Brücke über die Liène.
Unsere Route führt uns über ein Fahrsträßchen weiter zur Gîte de Lourantse (einfache Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeit).
Vom Gîte folgen wir nicht dem Sträßchen Richtung Süden, sondern gehen zunächst über die Moräne Richtung Osten und biegen bei der Wegverzweigung nach rechts unten ab, wo wir wieder auf die Bisse de Sion stoßen. Dieser folgen wir durch einen Wald, der ebenfalls von Lawinenniedergängen stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Während Lärchen und andere Nadelbäume wie Streichhölzer geknickt wurden, überstanden Grün-Erlen die Lawinen mit ihrer ganz eigenen Strategie. Das Holz der Grün-Erlen ist dermaßen weich und biegsam, dass sie sich bei Schnee-Auflast ohne zu brechen flach auf den Boden legen und später unbeschadet wieder aufrichten können.
Nach einer markanten Rechtskurve kommen wir zu zwei Bergbächen, welche die Bisse jeweils durch eine Galerie unterquert, während wir die größere Runse auf einer eleganten Hängebrücke überqueren. Es folgt ein Wegabschnitt durch offenes Gelände mit besonders reicher Alpenflora. Rosarote Schmalblättrige Weidenröschen (Epilobium angustifolium) kontrastieren mit dem türkisfarbenen See. Schließlich mündet der Wanderweg in die Fahrstraße von der Staumauer zur Alp von Lourantse.
Schließlich endet unsere Rundwanderung wieder am Ausgangspunkt beim Parkplatz oder bei der Bushaltestelle bei der Talsperre.
Übersicht:

© www.swisstopo.ch
Kartenmaßstab: 1:20‘000
Wegstrecke: 5.5 km
Höhendifferenz Auf- und Abstieg: ca. 150 m
Ausgangs- und Endpunkt: Bushaltestelle Anzère, Barrage de Tseuzier
Zeitbedarf: reine Marschzeit etwa 1.5 Stunden.
Jahreszeit: Sommer bis Herbst; im Juni und Juli ist die Wasserführung der Quellen wegen Schneeschmelze in hohen Lagen am stärksten und sind auch die Wasserfälle besonders eindrücklich.
Diese Wanderung wurde leicht gekürzt aus «Wasserwanderungen» übernommen.
Alle Fotos: Jürg und Pamela Alean
Jürg Alean studierte Geografie und doktorierte an der ETH Zürich in Glaziologie. Bis zu seiner Pensionierung war er Mittelschullehrer für Geografie. Er verfasste bereits mehrere Bücher zu erdwissenschaftlichen Themen und unterhält zusammen mit Gleichgesinnten den Bildungsserver SwissEduc.ch.
Paul Felber studierte Geologie und doktorierte an der ETH Zürich in Geologie. Bis zu seiner Pensionierung war er in der geologischen Praxis tätig (Hydrogeologie, Geotechnik). Er ist Verfasser eines Buches über die Geologie und Grundwasservorkommen des Kantons Zug. Heute gilt sein besonderes Interesse der Erforschungsgeschichte und den klassischen geologischen Lokalitäten der Schweiz.